Chinesische Medizin

Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) stellt ein jahrtausendealtes, holistisches Medizinsystem dar, welches von einem erweiterten Menschenbild und der Integration von Körper und Geist ausgeht.

Als empirische Wissenschaft lebt die TCM von ihrer Geschichte. Über Jahrtausende wurden medizinische Beobachtungen dokumentiert, von Generation zu Generation weitergegeben, ausgewertet und vervollständigt. Das demgemäss von abertausenden von Ärzten über etliche Jahrhunderte eingegangene Wissen liess ein lückenloses und präzises Medizinsystem heranwachsen, welches bemerkenswerte Verfahrensweisen im Umgang mit Gesundheit und Lebensqualität zutage legt.

Die Wurzeln der TCM werden bis auf über 5000 Jahre zurückdatiert, wobei beschriftete Orakelknochen und Schildkrötenpanzer aus der Shang-Dynastie (18.-11. Jh.v.Chr.) die frühesten Textquellen darstellen. Im Laufe der Zhou-Dynastie (11.-2. Jh.v.Chr.) fanden taoistische und konfuzianische Konzepte wie die „systematischen Entsprechungen“ oder die Analogie von „Mikrokosmos und Makrokosmos“ Eingang in die Heilkunde, welche sich mehr und mehr zu einer strukturierten Gesundheitslehre ausbildete.

Qin Shihuangdi einigte 221 v.Chr. China und begründete damit den Beginn des chinesischen Kaiserreiches, welches über 2000 Jahre bis zur Gründung der chinesischen Republik Anfang 1912 bestand haben sollte. Er unterzog das Reich zahlreichen Reformen, normierte das Schriftsystem, die Spurbreite der Wagen, Masse und Titel, vereinheitlichte die Währung und vieles mehr. In diesem Zuge institutionalisierte und standardisierte er auch die damalige Medizin und schaffte damit die Grundlage für die kontinuierliche und lang andauernde Erfassung medizinischen Wissens unter gegebenen Normkonventionen.

Die darauffolgende Han-Dynastie (2. Jh.v.Chr.-2. Jh.n.Chr.) wird oft als Blüte- und eigentliche Gründungszeit der TCM bezeichnet. Nicht zuletzt, weil in ihr vier der wichtigsten klassischen Werke, welche auch heute noch als Grundlagenwerke der TCM verstanden werden, verfasst wurden. Gleichwohl wurden in allen darauffolgenden Dynastien und bis in unsere Gegenwart hinein von unzähligen bedeutenden Ärzten und Philosophen (in neuerer Zeit natürlich auch von Ärztinnen und Philosophinnen) substantielle Beiträge zur Weiterentwicklung und Aktualisierung der TCM geleistet und etliche weitere bedeutende Werke verfasst.

Die TCM verwendet zur Erklärung physiologischer und pathologischer Phänomene das Modell der im Körper entgegengesetzt wirkenden Kräfte Yin und Yang und postuliert eine Lebensenergie (Qi), deren Qualität von diesen beiden Kräften abhängt. Eine Störung des Gleichgewichts von Yin und Yang führt über eine veränderte Qi-Qualität zu Krankheit. Die Genesung besteht darin, das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Da Yin und Yang paarweise entgegengesetzte Attribute wie kalt - warm, feucht - trocken oder dunkel - hell innewohnen, welche nicht nur im Menschen sondern auch generell in der Natur beobachtet werden können, steht das medizinische Geschehen in Interaktion mit der Umwelt. Die vielen bei der Diagnose berücksichtigten körperlichen Befunde werden daher nicht nur zueinander, sondern auch zur äusseren Welt in Beziehung gesetzt.

Anhand der Frage, wie sich Symptomveränderungen zu Veränderungen der Umwelt verhalten, kann ein übergeordnetes Muster ausgemacht werden, welches wiederum die Symptomatik begründet und über körperliche Behandlungsmassnahmen beeinflusst werden kann. Die Begebenheit, dass die auf körperlicher Ebene behandelbaren Ursachen nur unter Berücksichtigung der äusseren Umstände gefunden werden können, beschreibt weitgehend die Holistik der TCM. Eine entsprechende Vernetzung im Kleinen führt zu weiteren holistischen Merkmalen wie der engen Verknüpfung von Körper und Geist (oder auch Psyche) oder der Zuordnung oberflächlicher Symptome zu den inneren Organen.

Grundlegend im Konzept der TCM sind die Leitbahnen (Meridiane). Das Meridiansystem, welches ein Wegsystem für Qi darstellt, liegt teilweise an der Körperoberfläche, durchspannt aber auch den gesamten Körper netzartig und verbindet sich mit den inneren Organen und jeglichem Körpergewebe. Dabei sind die oberflächlichen Anteile, auf welchen auch die Akupunkturpunkte liegen, therapeutischen Interventionen zugänglich.

Mit Zungen- und Pulsdiagnose besitzt die TCM zudem ein eigenes diagnostisches System, durch welches Veränderungen von Yin, Yang und Qi beurteilt werden können.

Auf dieser Grundlage basieren verschiedene praktische Verfahren wie die chinesische Arzneimitteltherapie, die Akupunktur, die chinesische Ernährungslehre, eine spezifische Massagemethode (Tuina) und körperliche Übungen wie Tai Qi, Qi Gong und Kung Fu.